
Einführung Dr. Josef Ackermann
im Internationalen Club La Redoute Bonn
am 13. Januar 2009
Sehr geehrter Herr Ackermann, werte Gäste, liebe Mitglieder,
ich freue mich, Sie alle heute zum Vortrag von Herrn Dr. Ackermann über „Wirtschaft, Banken und Gesellschaft – was bleibt, und was ändert sich?“ begrüßen zu können. Die Zahl Ihrer Zuhörer, Herr Ackermann, bricht mit 950 alle unsere Rekorde; sie zeigt das immense Interesse der Bürger an der Rolle des Bankwesens und seiner führenden Männer in dieser weltweiten Krise. Ich versage es mir, die Tartarennachrichten von Pleiten angesehener Banken und Unternehmen und Einbrüchen in Konjunktur, Investition und Verbrauch, Produktion, Export und Beschäftigung hier auszubreiten; sie sind uns allen nur allzu geläufig. Ihr Vortrag kommt daher zur rechten Zeit. Ich danke Ihnen im Namen aller Zuhörer, dass Sie heute nach Bonn gekommen sind, um uns Ihre Gedanken zur Krise darzulegen. Bonn und die Rhein-Sieg-Region haben sich seit Wegzug des Bundes mit 3 DAX-Unternehmen und einer leistungsstarken mittelständischen Wirtschaft zu einem bedeutenden Wirtschaftsstandort entwickelt; er ist Ihrer Aufmerksamkeit wert. Unter Ihren Zuhörern befinden sich zahlreiche Männer und Frauen der Wirtschaft unserer Region und der Nachbarstadt Köln. Die große Zahl Ihrer Zuhörer zeigt auch, dass Ihr Bestreben, in dieser Zeit der Krise persönlich um Vertrauen in Solidität und Gemeinsinn des Banksektors zu werben, in Bonn auf positive Resonanz stößt.
Man fragt sich heute, wie es möglich ist, dass vor nicht allzu langer Zeit mit „Triple A“ bewertete Finanzinstitute nun pleite sind oder in den Abgrund blicken. Die Immobilienblase in USA, die gemeinhin für die globale Krise verantwortlich gemacht wird, wurde schon 2007 diagnostiziert, ohne dass daraus Folgerungen gezogen wurden. Man fuhr fort, die außerordentlichen Risiken toxischer Kredite durch Verbriefungen zu verschleiern, sie mit Fremdkapital,verniedlichend „Hebel“ genannt, in eigene, oft ebenso riskante Finanzkonstrukte einzumischen und das Risiko durch extensive Interbankgeschäfte zu anonymisieren; man nannte das „creative banking“. Damit stiegen die Gewinne auf oft exorbitante Margen. Früher rieten kluge Anlageberater den Kunden, gewinnträchtige Papiere mit hohem Risiko nicht auf Pump zu kaufen; auf der Managementebene galt es dagegen nicht als anstößig, mit Fremdgeld zu spekulieren. Nichts gegen Gewinnmaximierung – davon lebt die Wirtschaft; aber Banken, die ihre Aufgabe als Dienstleistung verstehen, sollten dabei nicht der olympischen Devise „citius, altius, fortius“ – auf gut Deutsch: „Immer höher hinaus“ – folgen. Auch das Benchmarking mit angelsächsischen Banken hat manches Finanzinstitut hierzulande lange verführt, die im Investmentbanking erzielten Gewinne höher zu schätzen als Rendite im traditionellen Kreditgeschäft.
Inzwischen hat sich creatives Banking in mancher Hinsicht als Rohrkrepierer erwiesen, und alle reinen US-Investmentbanken sind vom Markt verschwunden oder zu Universalbanken geworden. Auch in Deutschland beginnt man die soliden Gewinnmargen im Kreditgeschäft mit Firmen- und Privatkunden wieder höher zu schätzen. Dies lässt hoffen, dass sich in den Vorstandsetagen der Banken wieder das Bewusstsein durchsetzt, für die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft Verantwortung zu tragen. Nicht nur institutionelle Shareholder, Manager von Megafusionen und clevere Erfinder von Derivaten - auch Kleinanleger, Inhaber eines Gehaltskontos und Mitarbeiter in der Schalterhalle haben ein Anrecht darauf, dass das Bankinstitut, dem sie ihr Geld anvertrauen oder für das sie ihre Arbeitskraft einsetzen, sie im Blick behält. Man muss kein Sozialethiker sein, um es für ein Ärgernis zu halten, dass mancher 30-jährige City Boy in London, New York oder Frankfurt sein teuer dekoriertes Penthouse und seine Porsches für den Ausweis von Genialität hält und entsprechend auftritt, während Nobelpreisträger wie Peter Grünberg, ohne den die Laptops dieser Welt nicht laufen würden, oder Harald zur Hausen, dem die Menschheit große Fortschritte in der Krebsforschung verdankt, erst als über 70-Jährige den ersten Millionenscheck in der Hand hielten. Schon common sense führt zu dem Schluss, dass die Maßstäbe im Bankwesen sich in den letzten 10 Jahren einseitig in Richtung Selbstbedienung verschoben haben.
Der Markt ist als Regelsystem jedem andern überlegen, aber kann zum Monster entarten, das nationales und individuelles Vermögen vernichtet und soziale Spannungen hervorruft, wenn es nicht durch Rahmenbedingungen gebändigt wird. Die soziale Marktwirtschaft Erhards, Euckens, Röpkes und Müller-Armacks, im angelsächsischen Raum oft abschätzig als „rheinischer Kapitalismus“ bezeichnet, hat unserm Land über 60 Jahre Wohlstand und sozialen Frieden beschert; es ist an der Zeit nachzudenken, ob das Bankwesen nicht auch ein Regelwerk über Basel II hinaus braucht, etwa in der Erhöhung des Eigenkapitals, im Selbstbehalt bei risikoreichen Derivaten, dem Verbot von Zweckgesellschaften außerhalb der Bilanz, mehr Transparenz bei Hedge-Fonds, bankenunabhängige Rating-Agenturen und die Bindung von Vergütungen an die Nachhaltigkeit erbrachter Leistungen. Ob die Banken solche Regeln in Eigenregie beschließen oder der Gesetzgeber handelt, ist dem Bürger gleichgültig; wichtig ist nur, dass sie verbindlich und sanktionsbewehrt sind, bald realisiert werden und möglichst universale Geltung erlangen. Inzwischen setzt sich auch die Einsicht durch, dass der Staat sich zwar aus dem operativen Bankgeschäft herauszuhalten hat, der außergewöhnliche Umfang der Krise es aber rechtfertigt, dass er sich als lender of last resort betätigt, um ein gesamtwirtschaftliches Fiasko abzuwenden.
Natürlich schert der Bürger nicht alle Banken über einen Kamm. Die Deutsche Bank spielt als größtes Bankinstitut des Landes aber im Urteil der Bürger eine hervorgehobene Rolle, auch wegen ihres Namens, der eine besondere Verpflichtung auf das allgemeine Wohl suggeriert. Die öffentliche Kritik ist in letzter Zeit mit Ihrem Haus nicht immer fair umgegangen. So ist mir unverständlich, warum Ihre Äußerung zur Aufnahme staatlicher Stützungskredite bis in höchste Kreise gescholten wurde. Warum darf eine Bank nicht stolz sein, dass sie trotz tiefer Einbrüche eine positive Quartalsbilanz vorweisen kann und staatlicher Hilfe nicht bedarf? Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Jahresabschluss dieses Bild bestätigen wird; Sie sollten aber nicht enttäuscht sein, wenn das 25%-Ziel nicht erreicht wird; es muss nicht immer Kaviar sein. Wichtig ist vor allem, dass das Vertrauen zurückkehrt; ich selbst werde mein Konto bei Ihrer Bank, das ich 1952 als Student im ersten Semester eröffnete, jedenfalls beibehalten und vertraue darauf, dass die „Leistung aus Leidenschaft“, die ein smarter Beau jeden Abend in der Fernsehreklame dem Publikum anpreist, allen Ihren Stakeholders künftig weiter zugute kommt.
Herr Ackermann, Sie haben häufig eingeräumt, dass in der Zeit des Booms auch im Bankwesen Fehler gemacht wurden; leider fand dies nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie manche andere Äußerung, die sich im Gedächtnis der Öffentlichkeit festgesetzt hat. Sie haben nun Gelegenheit, uns statt missdeutbarer One-Liner ein differenziertes Bild von den Ursachen der Krise, den daraus gewonnenen Einsichten und den daraus zu ziehenden Folgerungen zu zeichnen. Wir sind gespannt auf Ihre Ausführungen.
Wiegand Pabsch