Nuclear Power as a Viable Energy Option and its Renaissance in Britain
Vortrag von Barbara Thomas Judge (Lady Judge), Chairman of the UK Atomic Energy Authority
vor dem Internationalen Club La Redoute am 14. Juli 2008 in Bonn
 
Über die Frage der Nutzung der Kernenergie ist Deutschland tief gespalten und erlebt eine hitzige Debatte, wie sie nicht grundsätzlicher über Glaubensfragen geführt werden könnte.
In ihrem gut besuchten Vortrag vor dem Internationalen Club schilderte uns Lady Judge in einem launig vorgetragenem Kontrastprogramm die Kernenergie als eine lebensfähige Energieoption und ihre Renaissance in Großbritannien. Sie griff auf Ihre Erfahrungen als Vorsitzende der britischen Atom-Energie-Behörde seit 2004 zurück und Ihre Bemühungen, die Briten für die Wiederbelebung der Kernenergie zu gewinnen. Als Vorbild bezog sie sich – mit offensichtlicher Bewunderung – auf das Frankreich de Gaulles, das sich schon vor fast 50 Jahren für die Kernenergie entschieden habe. Mit dem Argument der Unabhängigkeit und mit geschickt eingesetzten öffentlichen Wohltaten habe die damalige Regierung die überwiegende Zustimmung der Öffentlichkeit gewonnen, die bis heute gelte mit dem Ergebnis, dass Frankreich heute 80 Prozent der elektrischen Energie mit Kernkraft gewinne und notfalls die Nachbarn mit versorgen könnte, falls diesen die elektrische Energie ausgehen sollte.
Großbritannien produziere gegenwärtig 20 Prozent seiner Energie in Kernkraftwerken und sei politisch entschlossen, diesen Anteil nicht weiter zurück gehen zu lassen. Die weltweite Gefährdung der Umwelt, der unerlässliche Abbau der CO2-Emissionen und der exorbitante Anstieg der Öl- und Gaspreise machten neue Anstrengungen auf diesem Feld unausweichlich.
Mit Stolz berichtete Lady Judge über die Vorlage eines Weißbuches im Januar des Jahres und über die sich anschließende heftige Debatte, die zur Annahme eines Beschlusses der Labour-Regierung führte, der Neuinvestitionen in Kernenergieanlagen durch private Energiefirmen ermutigen und unterstützen soll. Investoren werde damit der Weg geebnet, neue Kernkraftwerke zu planen und sie in ihr Energiekonzept einzubauen. Der private Investor übernehme alle Kosten einschließlich Forschung und Entsorgung. Der Staat eröffne durch seine Genehmigung lediglich das Tor für solche Initiativen. Als besonders wichtig für die Akzeptanz in der Öffentlichkeit wie auch für die Planungssicherheit künftiger Investoren sei die Zustimmung der oppositionellen Konservativen, für die sie sehr gekämpft habe und die sicher stelle, dass der Regierungsbeschluss auch bei einem künftigen Regierungswechsel nicht wieder aufgehoben werde. Es sei daran gedacht, bestehende Anlagen durch effektivere und sichere Einheiten zu ersetzen und zunächst keine neuen Standorte zu bestimmen. Damit vermeide man lang andauernde, neue Standortdiskussionen und vertraue darauf, dass den Menschen in der Umgebung bestehender Kernkraftwerke die damit verbundenen Vorteile und Wohltaten hinsichtlich örtlicher Infrastruktur und Arbeitsmöglichkeiten vertraut seien. Auch gehe es darum, die mehrjährigen Zulassungsverfahren abzukürzen. Dazu sehe man eine neue Planungskommission vor und beschränke die Zulassung neuer Kernkraftwerke mangels eigener Kraftwerkstechnologie und statt der bisherigen Typenvielfalt auf die drei derzeit modernsten Anlagentypen, nämlich auf eine französische, eine amerikanische und eine japanische Technologie. Um dem Vorwurf zu begegnen, dass man damit neue, modernere Technologien vernachlässige, werde man in 3 Jahren die getroffene Entscheidung überprüfen.
Lady Judge ging auch auf die Probleme ein, die mit dem Regierungsbeschluss verbunden seien. Das Argument der zu hohen Kosten relativierte sie mit dem Hinweis, dass mit dem Bau von Kernkraftanlagen zwar hohe Investitionskosten verbunden seien, dass die Kernenergie hinsichtlich der laufenden Kosten aber eine low-cost Alternative sei, was angesichts der gestiegenen Ölpreise umso mehr gelte. Besorgter zeigte sich Lady Judge im Hinblick auf die benötigten Ingeneure und Nuklearfachleute, die in Großbritannien ebenso wie in anderen Ländern fehlten. Hierzu werde die Regierung ein breit angelegtes Ausbildungsprogramm von der Grundschule bis zu den Universitäten auflegen, um über die nächsten 10 Jahre bis zum Anlaufen der neuen Anlagen die benötigten 20 Tausend Fachkräfte zur Verfügung zu haben.
Zur für die Zuhörer offenkundig wichtigen Frage der nuklearen Verseuchung meinte Lady Judge zunächst, dass Kernenergie eine saubere Energie sei. Sie leugnete aber nicht, dass nuklearer Abfall, Entsorgung und Stilllegung von Nuklearanlagen ungelöste Probleme seien, die aber auch unabhängig von der weiteren Nutzung der Kernenergie, in Großbritannien und in einigen anderen Ländern insbesondere auch wegen der Kernwaffen bestünden. Inzwischen entwickelte neue Technologien seien deutlich effizienter, sodass die Reaktivierung der bisher bestehenden britischen Anlagen nur zu einem Mehranfall von nuklearem Abfall von 10 Prozent führen werde. Solange eine Lösung für die Endlagerung nicht gefunden sei, sei es Aufgabe der die nukleare Anlage betreibenden Firmen, für die Zwischenlagerung von nuklearem Abfall zu sorgen, und zwar nach den Vorstellungen der Atomenergiebehörde möglichst in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks, um schwierige Transporte zu vermeiden. Lady Judge bezog sich dabei insbesondere auf die finnischen Studien und Lösungsvorschlägen im Zusammenhang mit deren gegenwärtigen Konstruktion eines Kernkraftwerkes. Darüber hinaus würden die Kraftwerksbetreiber verpflichtet, künftig 10 Prozent ihres Gewinns in einen Fonds einzuzahlen, aus dem Forschung und spätere Endlagerung finanziert werden könnten. Auf eine Frage hin schloss Lady Judge das in früheren Jahren erwogene Recycling im Rahmen eines nuklearen Kreislaufs als Lösungsmöglichkeit aus, da dadurch zusätzliche Gefährdungselemente entstehen würden.
Schließlich erregte Lady Judge hinsichtlich des Proliferationsproblems einigen Zweifel unter den Zuhörern, als sie meinte, jedes Land tue ohnehin, was es für seine Situation für richtig halte. Ob man wie Deutschland langfristig auf die Kernkraft verzichten wolle oder wie Finnland, Abu Dhabi und vor allem China gerade auf die Kernkraft setze – die Welt ändere sich und zwar mit der Nutzung der Kernenergie. Es komme deshalb vielmehr darauf an, dass sich möglichst viele in der Staatengemeinschaft an im Westen entwickelte Regeln halten und sich nicht wie der Iran einer gemeinsamen Haltung entzögen.
Lady Judge gewann ihre Zuhörerschaft mit Charme und selbstbewusst vorgetragenen Argumenten. Dass bei den schwierigen Themen Entsorgung, Endlagerung und Proliferation nicht alle ihren Argumenten folgen wollten, versteht sich von selbst. Der starke Beifall galt deshalb uneingeschränkt der Rednerin; mit den Worten unseres Präsidenten Dr. Pabsch: „She did a charming job!“ und alle wurden zahm und sanft. (Johannes Dohmes)                                                                                                                       
zum Seitenanfang | eine Seite zurück | 'druckerfreundliche' Seite anzeigen
eXTReMe Tracker