Erzbischof Dr. Robert Zollitsch

Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

 am 07.06.2009 im Universitätsclub

 

"Was macht Europa wert-voll? Christliche Impulse für die Zukunft Europas."

 

Am Sonntag, den 07.06.2009, sprach in einer gemeinsam mit dem Universitätsclub durchgeführten, sehr gut besuchten Veranstaltung der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch zur Frage: „Was macht Europa wert-voll?“ über christliche Impulse für die Zukunft Europas.
Der Hausherr des Uniclubs, Prof. Dr. Max Huber, begrüßte als „Kind der Erzdiözese Freiburg“ den Gastredner als seinen Ortsbischof und äußerte seine Freude über die gemeinsame Durchführung der gewichtigen Veranstaltung.
Zur Einführung nannte Präsident Dr. Wiegand Pabsch die Europäische Einigung die Frucht christlichen Denkens und bedauerte, dass das Wissen um diesen Zusammenhang weitgehend verloren gegangen sei. Ein deutlicher Beleg hierfür sei die Verhinderung des Gottesbezugs im Verfassungsentwurf der EU. Gleichzeitig sei festzustellen, dass insbesondere junge Menschen auf der Suche nach Werten seien, die das Leben bestimmen. Den Gastredner begrüßte Dr. Pabsch als einen glaubwürdigen Boten des Evangeliums, für dessen Wort alle Zuhörer offen seien.
Erzbischof Zollitsch begann seine Ausführungen mit dem Hinweis auf die geringe Wahlbeteiligung an der am gleichen Tag stattfindenden Europawahl und auf das schwindende Interesse an Europa und der europäischen Einigung und erklärte, Demokratie brauche Tugenden. Daraus ergebe sich die Verpflichtung, sich an Wahlen zu beteiligen. Es sei bedauerlich, dass es zu viele falsche Informationen und Klischees über Europa gebe. Ein von allen getragenes Vertrauen in die Demokratie sei notwendig. Dabei solle man sich bewusst sein, dass es nicht selbstverständlich sei, dass Bürger an freien Wahlen teilnehmen und damit an politischen Entscheidungen mitwirken könnten. Noch vor 20 Jahren sei ein solcher Gedanke bei den östlichen Mitgliedern der EU eine völlige Illusion gewesen.
Am Beispiel des 1944 von den Nazis hingerichteten Theologen Max Josef Metzger, der sich schon 1917 für die Einbindung Deutschlands in ein vereintes Europa und für ein umfassendes Friedenskonzept eingesetzt habe, wies Erzbischof Zollitsch auf das schon lange bestehende Engagement der katholischen Kirche für die europäische Einigung hin, das nach dem 2. Weltkrieg von christlichen Politikern wie Schuman, de Gasperi und Adenauer aufgenommen und als ein europäisches Friedensmodell gemeinsam politisch umgesetzt worden sei.
Die europäische Kultur und Identität wurzele in den griechisch-römischen Ideen von Freiheit und Demokratie, von Recht und Gerechtigkeit und gleichzeitig im Dekalog und in den im Kreuz sichtbaren Werten von Liebe, Nächstenliebe und Solidarität. Ohne die christlichen Werte sei Europa ein totes Gerippe.
Die lange Friedensperiode in Europa nach den Weltkriegen des letzten Jahrhundert wertete Erzbischof Zollitsch als Ergebnis der europäischen Einigung, für die wir dankbar sein müssten. Wichtig für die europäische Einigung sei die Beteiligung Osteuropas. Der Fall des Eisernen Vorhangs habe ermöglicht, dass Europa wieder mit beiden Lungenflügeln atme und dass auch die Orthodoxie beteiligt sei. Die Mitwirkung aller europäischen Staaten, die dies wollten, sei keine Frage der Beliebigkeit, sondern eine Herausforderung an den politischen Willen der Mitgliedsstaaten. Aber auch die Beitrittskandidaten hätten die ausdrückliche Pflicht, sich angemessen auf die Mitgliedschaft vorzubereiten. Dies sei auch eine Aufgabe der Kirche und der Ökumene.
Erzbischof Zollitsch erinnerte daran, dass die Kirche die europäische Einigung von Anfang an in den einzelnen Entwicklungsstufen im Sinne der Vertrauensbildung und des friedlichen Zusammenlebens ausdrücklich unterstützt und gefördert hat. Auch jetzt mahne die Kirche an, das noch nicht vollendete Einigungswerk fortzusetzen und auch notwendige Korrekturen vorzunehmen. Trotz des fehlenden Gottesbezuges unterstütze die Kirche auch den Lissabon-Vertrag und hoffe auf sein Inkrafttreten.
Wichtig für die Kirche sei aber auch, dass bestimmte Punkte des Vertrags mit Leben erfüllt werden, wie ein offener, transparenter und regelmäßiger Dialog mit den Kirchen, der angesichts bedeutsamer Meinungsunterschiede etwa in Fragen des Schutzes des Lebens und der Würde des Menschen im Sinne der Schaffung einer zukunftsfähigen Gesellschaft ehrlicher und aufrichtiger geführt werden müsse. Es bestehe der Eindruck, dass Gott nicht nur ein Fremder, sondern ein Obdachloser in Politik und Gesellschaft sei.
Auch wünsche sich die Kirche beim Projekt eines sozialen Europas mehr Engagement, da sich die soziale Dimension nicht immer ausreichend gegenüber den wirtschaftlichen Zwängen behaupten könne. Dies werde besonders deutlich bei der Familienpolitik, die darauf zu zielen scheine, die Eltern möglichst schnell in das Wirtschaftsleben einsetzen zu können – zu Lasten der Familie und der Kinder. Dies gelte auch hinsichtlich einer notwendigen Flexibilisierung der Arbeit unter dem Gesichtspunkt der Stützung der Familien. Insgesamt fordere die Kirche eine menschengerechtere und familienfreundlichere Gestaltung der Wirtschaft.
Nicht übersehen werden dürfe schließlich die Notwendigkeit der Akzeptanz der Bürger für das europäische Einigungswerk. Europa müsse in seiner ganzen Vielfalt der Sprache, der Kultur und der Mentalität zur Einigkeit finden. Hierzu gehöre auch das Prinzip der Subsidiarität: Eigenverantwortung statt Überregulierung bleibe eine Daueraufgabe der Politik.
Abschließend formulierte Erzbischof Zollitsch unter Berufung auf Papst Johannes Paul II, Europa brauche eine religiöse Dimension, eine religiöse Leitwährung. Denn es hänge von den Christen ab, ob sich der Mensch in sich und seine Probleme einkapsele oder ob er in der Kultur der Liebe und der Hoffnung seine Seele wiederfinde. In diesem Sinne sei er ein begeisterter Europäer und wolle Europa weiter gestalten.

Der Vortrag von Erzbischof Zollitsch wurde vom interessierten Publikum mit lebhaftem und anhaltendem Beifall aufgenommen.     Johannes Dohmes

 Zur Einführung des Präsidenten  hier klicken

Foto: Hartmut W. Schmidt, Freiburg

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