Vortrag Botschafter Schäfers
9.12.2010 Vortrag Botschafter Schäfers
Deutschland und Frankreich – Nachbarn Konkurrenten, Partner!
Kariere-Diplomat vom Scheitel bis zur Sohle, selbstverständlich auch optisch: So stand Deutschlands Botschafter in Frankreich, Reinhard Schäfers, 60, am Rednerpult vor dem stark europäisch geprägten alten Bonner Diplomatenclub „La Redoute“ und beschrieb anschaulich das gegenwärtige Spannungsverhältnis zwischen Berlin und Paris.
Schäfers zählt sich zu der jungen Generation von Diplomaten, die wie er „den Sprung von Bonn nach Berlin geschafft hat“. Im Botschafterrang kam er über Brüssel und Kiew nach Paris. Seine Rückkehr nach Bonn, am 10. Dezember 2010, zum Vortrag in der ihm vertrauten Redoute, empfand er als „Nostalgie-Trip“.
Vor einem halben Jahrhundert legten Adenauer und De Gaulle in Paris und in Bonn das Fundament für die deutsch-französische Freundschaft – auch schon ein Teil Nostalgie!? Damals stand die Aussöhnung im Vordergrund. Heute bestimmen vornehmlich handfeste Interessen, Wirtschaft und Finanzen, die gegenseitigen Beziehungen. Dabei sind Deutschland und Frankreich, nach den Worten des Botschafters, Partner und Konkurrenten zugleich, an der Spitze zwei im Naturell grundverschiedene Protagonisten, „Nicolas Bonaparte“ und „Angela Nerz“, die „wie in einer modernen Ehe ohne Tabu zusammenleben“.
Einem vertrauensvollen, furchtbaren Miteinander zum Wohl der beiden Staaten und des ganzen Kontinents, steht „unvermeidliches Gegeneinander“ der ungleichen Nachbarn, diesseits und jenseits des Rheins, gegenüber.
Diese offene Analyse des exzellenten Frankreichkenners deckte sich voll mit der Betrachtung des Politikwissenschaftlers und Club-Präsidenten Professor Dr. Gerd Langguth, der es auf den Punkt brachte: „Wenn beide an einem Strick ziehen, bewegt sich etwas in Europa, wenn nicht, verspielen Berlin und Paris ihren Einfluss in die Welt“.
Divergenzen und Reibereien gab es schon immer, hielt der Botschafter fest, „aber jetzt kommt einiges mehr auf uns zu“(Schäfers). Die in der Finanzpolitik von Frankreich geforderte, über den europäischen Rettungsschirm hinausgehende, erweiterte Rolle der Zentralbank (EZB), die Einführung von Euro-Bonds mit den hohen Zinsbelastungen für Deutschland und die geplante Transfer-Union zur ständigen Hilfe hochverschuldeter EU-Staaten und zur Stabilisierung des Euro, stellten deutsche Positionen in Frage, machte der Redner klar. Vor allem geht es dabei um die von der Bundesrepublik geforderten automatischen Sanktionen für die Schuldenländer und um die Beteiligung von Banken und Finanzinvestoren bei Staatsinsolvenzen. Berlin lehnt die Euro-Bonds ab und wünscht, statt der von Frankreich unterstützten Strategie, eine gemeinsame europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik. Außerhalb dieser Fragen wird es auch bei der Agrarpolitik „haarig werden“, wie Schäfers prophezeite.
Wie sind diese Gegensätze zu erklären? Der Botschafter machte auf die unterschiedlichen Traditionen, Mentalitäten und Kulturen aufmerksam. Nähe sei eine Illusion, massive Konkurrenz Realität, auch bei den Rezepten zur Überwindung der Krisen. „Die Franzosen haben zum Geld und damit zur Währung eine andere Einstellung als wir“. Im Gegensatz zu Deutschland sei der französische Staat mit einem Anteil von 15 Prozent des Aktienkapitals in der Industrie omnipräsent. Andererseits fehlte es total am Unterbau, dem Mittelstand. Diese tragende Säule auf deutscher Seite, kenne Frankreich nicht. Solche strukturellen Unterschiede erschwerten die Kooperation und verschärften die Realität. Derzeit zeige sich das exemplarisch am Beispiel der Hochgeschwindigkeitszüge von Siemens für England. „Das sieht Frankreich als schweren Verlust für seinen Schienenfahrzeugbau an“.
Trotz so unterschiedlicher Ansätze und ohne gemeinschaftliche Wirtschaftspolitik sei der Euro eingeführt worden, merkte der Botschafter rückblickend an. Nach zehnjähriger Erfolgsgeschichte müsse jetzt unter Zeitdruck um die Zukunft der gemeinsamen Währung gerungen werden. Nachdem die Finanzprogramme zur Krisenbewältigung nicht aufeinander abgestimmt worden seien, komme es jetzt darauf an, „Schulter an Schulter“ die EU-Verfassungsprojekte, voran der Euro, und damit die Europäische Union zu retten. Ohne Deutschland und Frankreich sei die Lösung der Kernaufgaben nicht möglich. Im Interesse Europas sei der Wille zur Zusammenarbeit und zum Kompromiss unabdingbar.
Für die bevorstehenden Anstrengungen stehen Reinhard Schäfers symbolhafte positive Zeichen:
Der gegenseitige bilaterale Austausch bei spezifischen Aufgaben sei „weltweit einmalig“, die Teilnahme französischer Minister an deutschen Kabinettssitzungen und umgekehrt, die Stationierungen des Jägerbataillons 291 der Bundeswehr im Elsass – alles Ausdruck erstklassiger Beziehungen beider Länder.
Axel Herbst, einer der Vorgänger Reinhard Schäfers´ auf dem Botschafterposten in Paris, der unter den Zuhörern saß, stimmte der Analyse bis auf einen Punkt zu: Die Unterschiede im Denken und Handeln der beiden Länder seien „groß und schwer zu überwinden“. Das sehe er skeptisch.
Schäfers ergänzte daraufhin: „Ich gebe Ihnen vollständig Recht“. Jochen Hildesheim
